Montag, 22. Dezember 2025
Die Ausstellung "Das Romanische Café im Berlin der 1920er-Jahre" ist auch 2026 im Europa-Center zu sehen
Die Ausstellung "Das Romanische Café im Berlin der 1920er-Jahre" hat seit Anfang 2024 über 45.000 Besucherinnen und Besucher angezogen - und wird jetzt zum wiederholten Mal verlängert. Auch 2026 wird sie im Berliner Europa-Center zu sehen sein, mangels öffentlicher Förderung ist sie allerdings nur freitags und samstag von 13 bis 18 Uhr geöffnet und wird in dieser Zeit von Ehrenamtlichen betreut. Außerdem gibt es weiterhin Lesungen, Konzerte und Diskussionsveranstaltungen, auch Führungen außerhalb der Öffnungszeiten sind möglich. Für den Unterhalt bleibt das Ausstellungsprojekt auf Spenden angewiesen. Mehr Infos unter: romanisches-cafe.berlin
Freitag, 15. August 2025
Der Dichter Paul Gurk im Wedding
Von Elke Linda Buchholz - Zu viele Eindrücke, zu viele Worte, zu viel Gefühl: In Paul Gurks Romanen herrscht Überdruck, auch in seinem 350-Seiten-Werk „Berlin“, dem heute bekanntesten und am meisten rezipierten Roman. Der Vielschreiber mit Wohnsitz im Wedding hinterließ über 40 Dramen, 30 Romane, dazu Fabeln, Gedichte und andere Textsorten, so genau weiß das wohl niemand zu überblicken. Vieles wurde nie veröffentlicht, ging verloren im Literaturbetrieb der wechselnden Zeiten. Sein immer wieder sich einstellender Misserfolg wurde für Gurk zur Gewohnheit, er empfand sich sowieso als aus der Zeit gefallen. Ein Einzelgänger, den es in der Metropole hielt, obgleich er sich hier nie zu Hause fühlte. Geboren wurde er in Frankfurt an der Oder. Der renommierte Kleist-Preis 1921 macht den über 40jährigen schlagartig berühmt, aber nicht auf Dauer.
In der Ausstellung „Flucht ins Innere. Der Künstler Paul Gurk in der NS-Diktatur“ kann man hineinblättern in ein Dutzend seiner literarischen Arbeiten. Ist ein Autor vergessen, wenn immer wieder einzelne Werke aufgelegt werden? Etwa zum 100. Todestag 1980 kam es dazu und auch jetzt in einer vom Arco-Verlag gestarteten Neuedition, die auf 15 Bände anwachsen soll. Gurks Themenspektrum reicht vom legendären Berliner Berufsverbrecherduo Gebrüder Sass bis zum Luther-Gegenspieler Thomas Müntzer, von Goya bis zu Judas. Wer sich festliest, erweitert in der winzigen Einraum-Ausstellung schnell seinen Horizont. Denn rasch zu fassen ist dieser Autor nicht. Zumal er eben auch Maler war und von Jugend an Musik komponierte. Ein Das Mitte Museum in der Pankstraße nahe Gesundbrunnen nimmt zum Anlass, dass es einiges Nachgelassene von Paul Gurk bewahrt. Anderes liegt in der Akademie der Künste, im Literaturarchiv Marbach, in der Berlinischen Galerie.
„Ich bin Berlin, die große Stadt, aller Laster und Lüste voll“: Die expressionistische Emphase in Gurks Texten fühlt sich heute leicht angestaubt an. Schon als sein Berlin-Roman mit dem Untertitel „Ein Buch vom Sterben der Seele“ 1934 endlich erschien, kam das ein Jahrzehnt zuvor verfasste Buch zu spät. Längst hatten andere, wie Alfred Döblin mit seinem sprachexperimentellen „Berlin Alexanderplatz“ oder Walter Ruttmann mit seiner gefilmten „Symphonie einer Großstadt“ das Feld der Metropolenerfahrung und Großstadtdarstellung moderner beackert. In Gurks literarischen Figuren wie dem ergrauten Büchertrödler Eckenpenn, der schamhaft errötend ein blaues Bändchen mit seinen eigenen Gedichten an junge Mädchen weitergibt, oder dem gegen Dauermüdigkeit ankämpfenden Nachtwächter Ulenhorst in „Ein ganz gewöhnlicher Mensch“ spiegelt der Autor sich selbst. Diesen Kiezroman siedelte er im Wedding an, wo er selber seit 1936 wohnte. Afrikanische Straße 144b, da hängt eine bronzene Gedenktafel, die nichts über den berühmt-vergessenen Bewohner erzählt. Auch die endlos sich reihenden Häuserzeilen der ab 1929 errichteten, neusachlichen Großsiedlung sind gesichtslos. Aber auf die uralte Robinie gegenüber der Haustür fiel wohl schon zu Gurks Zeiten sein Blick, wenn er hinaustrat.
Kurator Jonas Hartmann legt sein Augenmerk vor allem auf diese Jahre unter dem NS-Regime. Er stellt zur Diskussion, ob Gurk tatsächlich als Innerer Emigrant gelten kann, wie er sich selbst nach 1945 darstellte. Zwiespältig bleibt die Antwort auf diese Frage, so wie vieles an dem Autor und Maler. Gurk konnte weiter publizieren, sandte aber andrerseits in Werken wie seinem dystopischen Text „TUZUP 37“ (1935) anti-totalitäre Signale.
In Gurks Aquarellen wird es plötzlich still. Nahezu täglich soll er die handlichen Formate in den Jahren nach Hitlers Amtsantritt verfertigt haben, gern im nahen Volkspark Rehberge. Es sind Notate ohne jeden Bezug zum Politischen, auch sie aus der Zeit gefallen. Kein Mensch ist zu sehen. Die Großstadt klemmt einen als enge Häuserflucht klaustrophobisch ein. Oder sie rückt lieber ganz weit weg an den Horizont. Säuberlich notierte Gurk mit Bleistift am Rand die Uhrzeit und Wetterlage. „3 Grad, sehr windig, später Graupel“: das war am 2. Januar 1938. Ein doppelt roter Streifen zwischen den Wolkenbändern glimmt. Auch wenn immer wieder die Sonne aufgeht in Gurks Bildern: Sie bleiben düster, die Himmel über Berlin. Begraben liegt der Künstler nicht weit von seiner letzten Wohnung. Sein Platz auf dem Friedhof an der Müllerstraße ist es seit 2009 kein Ehrengrab mehr.
Mitte Museum
Pankstraße 47
Berlin-Wedding
Bis 2.11.2025
Sonntag-Freitag 10-18 Uhr, Samstag geschlossen
Eintritt frei
Donnerstag, 26. September 2024
Aus für das Kleine Grosz-Museum
Von Elke Linda Buchholz - „Was sind das für Zeiten?“ heißt die aktuelle Sonderausstellung zu George Grosz, Bertolt Brecht und Erwin Piscator. Die drei Kollaborateure hoben mit ihren gemeinsamen Projekten das Theater der 1920er Jahre aus den Angeln, wobei sie auf mehr als avantgardistische Formexperimente zielten. Scharfe Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen war angesagt. Und heute? Keine rosigen Zeiten! Für das Kleine Grosz Museum jedenfalls sieht es schlecht aus. Die Kunstoase an der Bülowstraße wird, so beschloss der Trägerverein „George Grosz in Berlin e.V.“ auf einer außerplanmäßigen Mitgliederversammlung, schließen. Nämlich gleich nach Ende der laufenden Schau, im November. Was ist geschehen? Die Verantwortlichen geben sich schmallippig, für nähere Auskünfte steht vorerst niemand zur Verfügung. Eine Presseerklärung zitiert den Kurator und Co-Vorsitzenden des Vereins Pay Matthis Karstens: „Wir wollen auf dem Höhepunkt schließen.“ Das Projekt sei ohnehin nur auf Zeit angelegt gewesen. Die prekäre Finanzlage macht es den Engagierten aber offenbar schwer, das aus einer privaten Initiative gestartete Haus dauerhaft weiter zu betreiben. Zwar gibt es zahlreiche Förderer, darunter die Berliner Sparkasse, und auch der Hauptstadtkulturfond half teilweise, Sonderausstellungen zu ermöglichen. Aber nur auf der Basis der ehrenamtlichen Tätigkeit von Vereinsmitgliedern sei das Erreichte möglich gewesen: „Wunderbar, aber nicht nachhaltig“, so Schatzmeister Timon Meyer. Nun droht das ursprünglich auf 5 Jahre angelegte Kleine Grosz Museum sogar früher als geplant zu verschwinden. Es verbirgt sich zwischen Hochbahn, Autotrassen und Geschäftshäusern an einer unwirtlichen Ecke Schönebergs hinter hohen Mauern. Wer eintritt, den überrascht eine stilvolle Tankstelle der 1950er Jahre - zum Kunstort gewandelt und mit einem asiatisch angehauchten Garten umkränzt. Der Galerist Juerg Judin hatte das Architekturkleinod entdeckt und anfangs ein Wohn- und Atelierhaus daraus gemacht. Später überließ es dem Grosz Museum gegen Miete. Tatsächlich suchte der 2015 gegründete Verein schon länger einen geeigneten Ort. Angetreten ist er für die dauerhafte Sichtbarmachung von George Grosz in und für seine Stadt. Treibende Kraft dabei ist der Sammler und kunsthistorische Autodidakt Ralph Jentsch. Er fungiert im Auftrag der Söhne und Erben des Künstlers als Nachlassverwalter des New Yorker George Grosz Estate. So bilden die im privaten Besitz der Familie verbliebenen Werke den Grundstock des Museums und seiner Ausstellungen. Zudem trug Jentsch ein Riesenarchiv zu Grosz und seinem künstlerischen Umfeld zusammen, mit Fotos, Skizzen, Einladungskarten, Katalogen. Seit seiner Eröffnung im Mai 2022 hat das Kleine Grosz Museum sich unverzichtbar gemacht. Mehr als 30.000 Besucher und Besucherinnen kommen jährlich, wie es heißt. Sogar im Museumscafé hängen Originalwerke. Ein kantiger, schmaler Neubau nimmt die Ausstellungen auf: unten läuft eine Dauerpräsentation zu dem 1893 in Berlin geborenen Georg Ehrenfried Gross, wie er eigentlich hieß. Im Obergeschoss wechseln die Themen. Mit anspruchsvollen, fachlich kompetenten und erfrischend inszenierten Ausstellungen machte sich das junge Haus einen Namen, begleitet von materialreichen Katalogen. Die Premierenschau beleuchtete erstmals überhaupt das Frühwerk von Grosz. Es folgten wenig erforschte Aspekte seines Schaffens, wie die Sowjetrussland-Reise, das vielschichtige Collagen-Werk oder die Auseinandersetzung mit Holocaust und Zweitem Weltkrieg. Als Grosz diese späten Blätter schuf, lebte der als entartet Vertriebene schon in seinem Traumland Amerika. Kurz vor seinem Tod kehrte er desillusioniert nach Berlin zurück. Das Kleine Grosz Museum hat seinem Werk, gerade auch den fragilen Arbeiten auf Papier, einen Ort gegeben. Und damit soll jetzt Schluss sein? Berlin braucht den scharfkantigen, freisinnigen Grosz. Und Grosz braucht Berlin, jetzt erst recht.
Donnerstag, 25. Januar 2024
Das Romanische Café - Ausstellung bis 31. Januar 2025 im Europa Center
Welcome back! Seit dem 6. Januar ist die Ausstellung über den berühmtesten Berliner Künstlertreffpunkt der 1920er-Jahre geöffnet, am Originalschauplatz, dort wo heute das Europa Center steht. Finanziert von der Bundeszentrale für politische Bildung hat das kleine Ausstellungsteam um Katja Baumeister-Frenzel zwei Jahre intensiv daran gearbeitet, einen Erinnerungsort für die Kultur des "Neuen Westens" zu schaffen. Viele Neues ist dabei ans Licht gekommen über die (Um-)Baugeschichte des Romanischen Cafés und die Schicksale seiner Besucher, präsentiert mit Objekten aus seiner Glanzzeit, Fotos, Filmausschnitten. Ein Höhepunkt ist die 3-D-Rekonstruktion des Lokals durch Jan Schneider, die an ausgewählten Tagen auch mit 3-D-Brille erfahrbar sein wird. Mehr Informationen unter romanisches-cafe.berlin
Mittwoch, 1. Dezember 2021
Audiowalk durch Alfred Döblins Osten
Berlin in der Krise - Literarische Expeditionen (1929-1933) zum Nachhören
Zugang: Einfach die kostenlose berlinhistoryapp aufs Handy laden und den Layer "Aktives Museum" wählen.
Montag, 12. Juli 2021
Goldstaub für die Ohren
Sonntag, 27. Juni 2021
Spaziergänge durch Irmgard Keuns kunstseidenes Berlin - wieder ab Juli 2021
Im fünften Band seiner Buchreihe "Literarische Schauplätze" hat Michael Bienert "Das kunstseidene Berlin" der Weimarer Republik vorgestellt (vbb 2020, 200 Seiten, 25 Euro), nun führt er nach langer Corona-Pause wieder durchs Berlin Irmgard Keuns.
Um Abstandsregeln einhalten zu können, ist die Teilnehmerzahl ist auf ca. 15 Personen begrenzt. Voranmeldung und Angabe von Kontaktdaten ist erforderlich unter: kunstseide@text-der-stadt.de
Der genaue Treffpunkt am Kurfürstendamm wird bei Anmeldung bekannt gegeben.
Preis pro Person: 8 Euro (keine Ermäßigungen).
Termine: Samstag, 10. Juli 2021, 14 Uhr; Freitag 16. Juli 2021, 16 Uhr; Samstag, 17. Juli, 14 Uhr
Montag, 29. März 2021
Bülowstraße 90 - ein neues Video und eine Dokumentation zu einem Haus mit bewegter Geschichte
Eine ausführliche Dokumentation zur Geschichte des Hauses steht hier kostenlos zum Download bereit:
Samstag, 6. März 2021
Eine neue Gedenktafel für Erich Kästner
"An der Prager Straße 6-10 ... hängt ... eine Gedenktafel, die an Kästners Berliner Unterkunft erinnert. Doch Vorsicht! Zwei der Jahreszahlen auf der Tafel sind falsch", warnt Michael Bienert in seinem Buch "Kästners Berlin". In der 6. Auflage allerdings muss das revidiert werden, denn der Verein Aktives Museum hat sich dafür eingesetzt, dass die alte Tafel ausgetauscht wurde. Viel sichtbarer als bisher hängt sie seit ein paar Tagen unter dem Wandbild, das an das Cover des Romans "Emil und die Detektive" erinnert. Sehr passend, denn im Haus befindet sich eine Kita. Die neue Tafel gibt die Adresse und den Standort von Kästner Wohnung genau an, der Zeitpunkt seines Auszuges und das Erscheinungsjahr von "Emil und die Detektive" wurden korrigiert. Zwei Fotos von Heike Stange zeigen die erneuerte Tafel im März 2021 am neuen Standort, das Foto mit der Hausnummer 6 zeigt den alten Zustand und stammt aus dem Jahr 2020 (Archiv Michael Bienert)
Mittwoch, 11. November 2020
Mit Michael Bienert auf den Spuren von Irmgard Keun und Erich Kästner in Berlin
![]() |
| Michael Bienert. Foto: Leon Buchholz |
https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/berlin-literarisch-mit-michael-bienert-und-irmgard-keun-an-der-gedaechtniskirche-li.116798
Mittwoch, 14. Oktober 2020
Das kunstseidene Berlin (2020, Making-of)
Mit der Kamera begleitet Leon Buchholz den Autor Michael Bienert in den letzten Tagen vor der Drucklegung seines neuen Buches "Das kunstseidene Berlin". Der Buchgestalter Ralph Gabriel und der Verleger André Förster sprechen über das Besondere der Buchreihe "Literarische Schauplätze", in der bereits Bücher über Erich Kästner, Bertolt Brecht, Alfred Döblin und E. T. A. Hoffmann erschienen sind. Nun folgt der Literaturdetektiv Michael Bienert in "Das kunstseidene Berlin" erstmals einer schreibenden Frau und ihren Figuren durch die Stadt. Neben den Schauplätzen des Romans "Das kunstseidene Mädchen" (1932) kommen viele unbekannte Berliner Orte in den Blick, die im Leben der Schriftstellerin Irmgard Keun (1905-1982) eine Rolle gespielt haben.
Mittwoch, 23. September 2020
Das kunstseidene Berlin. Irmgard Keuns literarische Schauplätze. Buch, Lesung, Stadtspaziergänge
Mit Romanen über junge, selbstbewusste Frauen, die in der Gesellschaft der Weimarer Republik ihren Weg suchen, machte Irmgard Keun im Berlin der Weltwirtschaftskrise Furore. Die Nationalsozialisten verboten ihre Bücher und vertrieben sie ins Exil. Heute zählt Das kunstseidene Mädchen zu den Klassikern der Berlin-Literatur. Mit großem Sprachwitz schildert der Roman die Odyssee der minderjährigen Doris durch Bars und Betten, Mietskasernen und Luxuswohnungen, Kinos und Bahnhofswartesäle.
Michael Bienerts neues Buch Das kunstseidene Berlin stellt erstmals alle Schauplätze mit Fotos, Adressen und Dokumenten vor. In den Blick kommen auch die Kindheitsorte Irmgard Keuns, die in Charlottenburg geboren wurde und in Wilmersdorf zur Schule ging, ehe die Familie nach Köln umzog. Erzählt wird, wie Keun 1931 in Berlin einen Verlag fand, wie sie sich 1933 in einen „nichtarischen“ Charité-Arzt verliebte und versuchte, als unerwünschte Autorin im nationalsozialistischen Deutschland zu überleben. Unbekannte Briefe und Dokumente aus Archiven beleuchten ihre damalige Schreibsituation und ihre Kontakte nach Ost-Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Entdeckungsreise auf den Spuren einer herausragenden Autorin der Moderne streift das Berlin der Kaiserzeit, der Weimarer Republik, der NS-Zeit, der frühen DDR-Jahre – und verliert die Gegenwart nie aus dem Blick.
Das Buch erscheint Ende Oktober 2020. Weitere Infos und alle Veranstaltungstermine unter http://www.text-der-stadt.de/Das_kunstseidene_Berlin.html
Freitag, 24. Juli 2020
Berlin Alexanderplatz - Roman und Neuverfilmung
Wie sieht Berlin aus der Perspektive eines An-den-Rand-Gedrängten aus, wie fühlt es sich an, nicht in der Mitte der Gesellschaft ankommen zu können? Davon erzählt die Neuverfilmung von Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“, die in der Gegenwart spielt, aber der Geschichte von Franz Biberkopf treu bleibt. Von Michael Bienert. Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ macht es heutigen Leserinnen und Leser nicht leicht. In der literarisch inszenierten Vielstimmigkeit der Großstadt der Zwanzigerjahre die Übersicht zu behalten, ist schon schwer genug. Die Geschichte des Kleinkriminellen und Zuhälters Franz Biberkopf droht darin zu zerfasern. Dabei ist sie sehr exakt im damaligen Milieu und der Topographie um den Alexanderplatz verankert, ja man kann Biberkopfs Wegen sogar nachgehen. Doch der Charakter der Gegend und ihrer Bewohner hat sich völlig verändert: War das Scheunenviertel einst Synonym für Armut, Kriminalität, Prostitution, so ist es heute nur noch eine pittoreske Altstadtkulisse für Touristen, Nachtschwärmer und wohlhabende Besitzer von Eigentumswohnungen.
Unvertraut sind uns auch die (natur-)philosophischen Reflexionen Döblins, die in der Geschichte von Franz Biberkopf mitschwingen, sozusagen ihr metaphysischer Überbau. (Döblin hätte eher vom Unterbau gesprochen.) Die Interpretationen des vielschichtigen Romans gehen weit auseinander und vielfach laufen sie darauf hinaus, das ausufernde Werk in Teilen für genial, in anderen für unverständlich, verblasen, uninteressant oder kolportagehaft zu erklären. Die Komplexität eines 90 Jahre alten Avantgarde-Romans, der in einer verschwundenen Stadt in einem ausgelöschten Milieu spielt, ist nicht verfilmbar, das haben der Regisseur Burhan Qurbani und sein Co-Drehbuchautor Martin Behnke erkannt. Sie haben eine klare Konsequenz daraus gezogen. Der Film konzentriert sich voll und ganz darauf, die Geschichte von Franz Biberkopf in unsere Gegenwart zu übersetzen. Anders als der sperrige Roman kommt die Verfilmung dem Publikum weit entgegen: mit einer Handlung, die im heutigen Berlin spielt, mit einem farbigen Francis B., der sich als illegaler Einwanderer aus Afrika in der Unterwelt Berlins durchschlägt, mit einer schlanken Dramaturgie und streckenweisen opulenten Filmästhetik.
Aber der Film verrät die Vorlage damit nicht, im Gegenteil. Zwar bleibt die Komplexität der großen Stadt, von der Döblins Stadtsprachencollage erzählt, außen vor. Dafür wird die Geschichte von Franz Biberkopf hier überraschend durchsichtig – auch auf Intentionen des Autors hin. Döblin wollte den Blick des bürgerlichen Lesepublikums auf einen Mann vom Rand der Gesellschaft lenken, der dazu gehören möchte: „Ick will anständig sein.“ Der aus der Haftanstalt Tegel entlassene Biberkopf wird von dem Milieu, aus dem er stammt, sofort wieder aufgesogen, rutscht in die Kriminalität ab. Im Film schwört der dem Tod im Mittelmeer entkommene Francis, fortan gut zu sein, er scheitert mit diesem Vorsatz jedoch immer wieder in Milieus, in denen das Gesetz des Stärkeren und gnadenlose Ausbeutung herrschen. Was für den alten Franz Biberkopf das Scheunenviertel war, wird für den neuen das Drogendealermilieu in der Hasenheide. Es fängt ihn auf, als er seinen ersten Job als illegaler Arbeiter auf einer Berliner U-Bahn-Baustelle verliert, nachdem er einen verletzten Kollegen in ärztliche Behandlung gegeben hat, statt den Unfall zu vertuschen.
Weiterlesen auf www.text-der-stadt.de
Montag, 6. Juli 2020
John Heartfields Berlin - ein Streifzug
![]() | |
| John-Heartfield-Ausstellung in der Akademie der Künste |
Das Adressbuch „Künstlerspuren“ von Detlef Lorenz nennt als Ort der Beinahe-Verhaftung das Haus Bleibtreustraße 7, am S-Bahnhof Savignyplatz gleich neben der Stadtbahn. Die alten Berliner Adressbücher verzeichnen keinen Heartfield oder Herzfeld, wie er bürgerlich hieß, nur den Bruder und Malik-Verleger Wieland Herzfelde, der am Kurfürstendamm 76 wohnte. In der Bleibtreustraße 7 gab es mehrere Künstlerateliers und einen Friseur – das alles passt schon.
Heute erinnern fünf Stolpersteine vor dem Haus an die Familie des Diamantenhändlers Abraham Wysniak, dessen Frau Dvora und Tochter Asta im Warschauer Ghetto starben. An der Bleibtreustraße 15 hängen Gedenktafeln für den 1933 vertriebenen Kunsthändler Alfred Flechtheim und die Schauspielerin Tilla Durieux. Und an der Nummer 10/11 gibt es den Hinweis auf die „alte Wunde, unvernarbt“ Mascha Kalékos, die 1974 in ihrem Gedicht „Bleibtreu heißt die Straße“ schrieb: „Hier war mein Glück zu Hause. Und meine Not. / Hier kam mein Kind zur Welt. / Und mußte fort. / Hier besuchten mich meine Freunde / Und die Gestapo.“ Eine Gedenktafel für John Heartfield würde die Betextung der Bleibtreustraße gut ergänzen. Weiterlesen
Montag, 22. Juni 2020
Kunst in Tucholskys Geburtshaus
![]() | ||||
| Marco P. Schaefer im Projektraum KURT KURT, 2020 |
Von Michael Bienert Dass in diesem Teil Moabits niemals reiche Leute wohnten, verrät die baumlosen Lübecker Straße sofort. Schnurgerade haben Spekulanten der Kaiserzeit sie mit Mietskasernen bepflanzt. Was im Krieg kaputt ging, wurde mit Mietsblocks wieder aufgefüllt. In dieser sehr typischen Berliner Straße wurde Tucholsky 1890 geboren. Würde er heute dem Volk aufs Maul schauen, würde er hier viele Fremdsprachen hören. Lübecker Straße 13 in Moabit: Tucholskys Geburtshaus steht noch und trägt eine schlichte Gedenktafel, die schon mal gestohlen wurde und deshalb besonders fest in der Wand verankert ist. Es gibt ja nicht viele Geburtshäuser populärer und kluger Schriftsteller in Berlin. Trotzdem hat es die Kulturverwaltung nie geschafft, hier einen informativen Anlaufpunkt für die vielen Tucholsky-Fans zu etablieren. Die Lübecker Straße dokumentiert nicht nur materielle, sondern auch geistige Armut. Zuende lesen auf www.text-der-stadt.de
Montag, 30. September 2019
Beinahe Bauhaus-Meister. Fred Forbats Erinnerungen
Als der Dreiundzwanzigjährige im Jahr 1920 im Weimarer Bauhausgebäude als Architekt im Privatatelier des Schulgründers Walter Gropius anfing, hatte er schon ein Studium in München abgeschlossen. Sofort nach dem Architekturexamen sollte er sich damals in einem Gefängnis melden, um als unerwünschter Ausländer aus Bayern abgeschoben werden. Gropius machte den patenten jungen Mann zum Bauleiter einer Villa, die der Bauunternehmer Adolf Sommerfeld für sich in Berlin errichten ließ und die von den Bauhauswerkstätten ausgestattet wurde. Später betraute Gropius Forbat mit der Gesamtplanung der nie realisierten Bauhaussiedlung in Weimar. Weiterlesen
Mittwoch, 24. Oktober 2018
George Grosz im Bröhan-Museum
Montag, 3. September 2018
Hannah Höchs Adressbuch
![]() |
| Hannah Höchs Adressbuch Foto: Berlinische Galerie |
Hannah Höch nimmt 1917 ein kleines Büchlein zur Hand und trägt fein säuberlich die ersten Namen von Bekannten und Freunden ein. Gut sechzig Jahre später hat die Künstlerin ihr Adressbuch noch immer in Gebrauch. Unversehens ist es zu einer veritablen Collage angewachsen. Eingelegte Visitenkarten, überklebte Zusatzseiten, durchgestrichene Einträge und ergänzte Notizen haben die anfängliche Ordnung von A wie Amsterdam, Hans Arp und Augenarzt bis Z wie Zürich, Gertrud Zarniko und Galerie Zinke längst unterminiert. Das zerfledderte Original ruht heute in der Berlinischen Galerie: eine fragile Kostbarkeit mit maroder Heftung, abgegriffenen Ecken und knallroten Farbklecksen auf dem Umschlag.























