Samstag, 23. Dezember 2017

Fritz Ascher - Wiederentdeckung eines Malers

Die Ausstellung läuft bis zum
11. 3. 2018 in der
Villa Oppenheim.
Von Elke Linda Buchholz - Einen so vollständig vergessenen Künstler zurückzuholen in die Aufmerksamkeit, braucht Kraft, Geduld und kreative Energie. Vor 30 Jahren stieß die deutsch- amerikanische Kuratorin Rachel Stern bei einem Sammler auf Arbeiten von Fritz Ascher. Sie hatte noch nie von ihm gehört. Jetzt ist sie als quasi weltweit einzige Expertin für den 1893 geborenen Maler wieder zurück in der Stadt, wo auch er einst gelebt und gearbeitet hat. Hier bei Max Liebermann holte der junge Wilde sich als 16-Jähriger nach abgebrochener Schule die höheren Weihen einer Empfehlung an die Königsberger Kunstakademie und startete zwischen Secessionisten und Expressionisten seine Karriere. Hier in Berlin war es, wo er von den Nazis drangsaliert, inhaftiert, in Kellerverstecke gedrängt wurde und trotzdem überlebte. Weiterlesen im Tagesspiegel

Freitag, 22. Dezember 2017

Benjamin und Brecht - Denken in Extremen - Ausstellung in der Akademie der Künste

Noch bis 28. Januar 2018 zeigt die Akademie der Künste ihre große Ausstellung Benjamin und Brecht - Denken in Extremen, die aus dem Vollen schöpfen kann, immerhin gehören die umfangreichen Werkarchive des Kritikers und des Dichters zu ihrem Bestand. Zwischen beiden Intellektuellen hat es nicht gleich gefunkt. Als eine gemeinsame Freundin, die Kommunistin Asja Lacis, sie 1924 in Berlin zusammenbrachte, kam kein konstruktiver Dialog in Gang. Das änderte sich etwa 1929, vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und des Aufstiegs der Nationalsozialisten: Brecht und Benjamin reagierten darauf mit einer verstärkten Orientierung an der marxistischen Gesellschaftstheorie. Sie teilten die Hoffnung auf die Arbeiterklasse als historischer Macht, stark genug, die Herrschaft des Bürgertums zu beenden und dem Faschismus paroli zu bieten. Es gab Pläne für eine Lesegemeinschaft gegen Heidegger und eine Zeitschrift mit dem Namen Krisis und Kritik; sie sollte eingreifendes Denken lehren. Brecht und Benjamin flohen vor den Nazis und setzten ihr Gespräch fort, brieflich und während Benjamins drei Aufenthalten in Brechts dänischem Exil. Fotos zeigen sie im Garten des Brechtschen Häuschens in Svendborg beim Schachspiel: Brecht war der aggressivere Spieler, Benjamin der bedächtig-defensive. Meistens gewann Brecht. Dass beide den Temperamentsunterschied und den Widerspruch des Gegenübers suchten, spricht für ihre Größe. Die Ausstellung arbeitet mit sorgfältig ausgesuchten Dokumenten und einer exzellenten Betextung (für die Typografie zeichnet Friedrich Forssmann verantwortlich) die Gegensätze heraus: Brecht konnte mit Benjamins Aura-Theorie sowenig anfangen wie mit dessen Begeisterung für Baudelaire. Brecht warnte Benjamin, sich zu sehr in Abhängigkeit vom Institut für Sozialforschung Adornos und Horkheimers zu begeben, jene sahen den Einfluss Brechts auf Benjamin als verhängnisvoll an. Beide teilten die Faszination durch Kafkas Schriften, kamen aber zu ganz unterschiedlichen Einschätzungen seiner Bedeutung. Beide sahen sich durch den Rundfunk und die technische Reproduzierbarkeit von Kunst herausgefordert, waren auf der Suche nach einer neuen, zeitgemäßen Kunst und den richtigen Begriffen dafür. Gemeinsam arbeiteten sie am Plot für einen Kriminalroman. Als Brecht 1941 vom Tod des schwierigen Freundes erfuhr, der sich bei der Flucht über die Pyrenäen das Leben genommen hatte, was der Dichter erschüttert; mehrere Gedichte zeugen davon. "Neuer Gedanken Heraufkunft und neuer Schwierigkeiten", das allein hätte ihn doch im Leben halten müssen, ruft Brecht dem verlorenen Gesprächspartner nach. Um die Zeugnisse ihres Dialogs legt sich in der Ausstellung der Akademie ein Kranz von Arbeiten jüngerer Künstler - so hat Stefan Thiemann den Kriminalroman der beiden Meisterdenker als Graphic Novel in Holz geschnitten und Alexander Kluge eine Videocollage beigesteuert; für ihn sind Benjamin und Brecht "Steuerungsengel im Dickicht des 21. Jahrhundert" geblieben. Infos zur Ausstellung

Freitag, 17. November 2017

Berlin Babylon - wie es wirklich war

Die Fernsehserie Berlin Babylon hat das Interesse am Berlin der Weimarer Republik neu befeuert, mit der Kleinen Zeitung hat Michael Bienert darüber gesprochen, wie wenig golden Berlin damals wirklich war:

http://www.text-der-stadt.de/KlZ_Okt_2017.jpg

Sonntag, 29. Oktober 2017

Yolla Niclas und Alfred Döblin

Bauarbeiter in Berlin, um 1930
Foto: Yolla Niclas (aus dem
besprochenen Band)
Der Frankfurter Literaturwissenschaftler und Fotohistoriker Eckhardt Köhn untersucht in einer Monographie luzide die langjährige Beziehung Alfred Döblins zu seiner Freundin und "Schwesterseele" Yolla Niclas. Dabei kommt sie nicht nur als Anhängsel der literaturwissenschaftlichen Forschung, sondern als eigenständige Künstlerpersönlichkeit zu ihrem Recht.

Am 24. Februar 1900 wurde Charlotte Niclas in Berlin als Tochter eines jüdischen Kaufmanns geboren, mit 20 lernte sie auf einem Ball den mehr als doppelt so alten verheirateten Arzt und Dichter Alfred Döblin kennen: der Anfang einer für beide ebenso beglückenden wie schmerzhaften Beziehung, da es für Döblin unmöglich war, sich von seiner Frau und den Kindern zu trennen, trotz der seelischen Übereinstimmung, die er im Zusammensein mit der jüngeren Freundin empfand. Etwa um dieselbe Zeit schloss Niclas eine Ausbildung zur Fotografin beim Lette-Verein ab und arbeitete zunächst als Standfotografin beim Film für den innovativen Kameramann Karl Freund. Bald machte sie sich in Berlin selbständig und fand Anerkennung als Porträt- und Werbefotografin. So stellte die Zeitschrift Gebrauchsgrafik ihre Arbeit 1932 auf sechs Seiten vor, und auch im Pariser Exil konnte Niclas bis zum Einmarsch der Deutschen ihren Lebensunterhalt als Fotografin verdienen. Niclas´ Fotos von Berliner und Pariser Alltags- und Straßenszenen lassen ein Interesse am städtischen Alltag erkennen, das sie mit Döblin teilte. Leider ging ihr gesamtes fotgrafisches Frühwerk im Zweiten Weltkrieg fast vollständig verloren, ebenso wie zahllose Briefe, die ihr Döblin geschrieben hat.
Aus dem besetzten Frankreich gelang Yolla Niclas, inzwischen mit einem aus Deutschland geflohenen jüdischen Rechtsanwalt verheiratet, die Flucht in die USA, wo sie ihrer großen Liebe wiederbegegnete. Nach großen Startschwierigkeiten konnte sie in der USA bald wieder als Fotografin reüssieren, empfohlen von dem berühmten Alfred Stieglitz, der ihr Werk als "all fresh and her own" lobte. Niclas´ letzte großen Arbeiten waren Kinderbücher mit anspruchsvollen Fotoerzählungen; sie starb 1977, zwanzig Jahre nach Döblin.
Köhns Publikation in der Reihe "Fotofalle" ist für Döblin-Liebhaber und -Forscher schon deshalb ein Muss, weil hier erstmals Niclas´ eigene Erinnerungen an ihre Freundschaft mit Döblin in Gänze nachzulesen sind; sie hatte das Manuskript noch zu Lebzeiten dem Deutschen Literaturarchiv anvertraut und bis 2005 gesperrt. Der Herausgeber Eckhardt Köhn zieht in seinem detektivischen Essay weitere Quellen und Werke Döblins heran, um dieser unauflösbaren Liebesbeziehung auf die Spur zu kommen. Das Gefühl seelischer Verbundenheit hat den Dichter in seiner naturphilosophischen Annahme bestärkt, es existiere eine geheime Einheit der beseelten Natur; ähnlich hat Yolla Niclas selbst ihre Bindung an Döblin über den Tod hinaus interpretiert. In seinem letzten Brief verabschiedete Döblin sich von ihr mit den Worten: "Ich eine kleine Wolke am Himmel."

Eckhardt Köhn (Hg.)
Yolla Niclas und Alfred Döblin
Fotofalle 3, 140 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Edition Luchs, Lautertal 2017, 24 Euro
ISBN  978-3-00-057707-9

Bestellbar über:
Edition Luchs
An der Teichmühle 15
36369 Lautertal
edition.luchs@gmx.de

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Döblins Pankow

In der ehemaligen Irrenanstalt in Buch hat
Alfred Döblin als junger Assistenzarzt gearbeitet.
Foto aus DÖBLINS BERLIN.
Was hat Alfred Döblin mit Pankow zu tun? Das wollte Christian Hönicke für den Tagesspiegel-Newsletter Pankow wissen, der heute per Mail verschickt wurde. Anlass ist das Erscheinen des Buches DÖBLINS BERLIN von Michael Bienert: 

Hönicke: Herr Bienert, wo hat Sie Döblin hingeführt?

Bienert: Döblin war vor allem „Ostler“, so nannte er sich einmal selbst. Er kannte das ansässige Arbeitermilieu im Ostteil der Stadt aus erster Hand und hat es präzise und unideologisch mit allen Widersprüchen beschrieben, etwa in seinem großen Revolutionsroman „November 1918“. Sein Lebensmittelpunkt war lange die Gegend um die Frankfurter Allee. Aber natürlich verschlug es ihn auch über die Bezirksgrenzen, nach Lichtenberg, Kreuzberg und auch ins heutige Pankow.

Hönicke: Ein Kapitel haben Sie seiner Arbeit in Buch im heutigen Bezirk Pankow gewidmet. Welche Rolle spielt die kurze Episode in seinem Leben und seinem Werk?

Bienert: Eine durchaus wichtige. Er hat von 1906 bis 1908 als junger Assistenzarzt in der Städtischen Irrenanstalt in Buch (siehe Fotos) gearbeitet, dort lernte er auch die Pflegerin Frieda Kunke kennen; aus dem Verhältnis ging Döblins unehelicher Sohn Bodo hervor. Später hat er Buch durch „Berlin Alexanderplatz“ zum Schauplatz von Weltliteratur gemacht. Seine alltäglichen Erlebnisse bilden die Grundierung für das große Finale des Romans, für Franz Biberkopfs Ringen mit dem Tod im sogenannten „Festen Haus“ in Buch. In dem wurden psychisch gestörte Kriminelle von den anderen Patienten getrennt untergebracht. Das ist auch deswegen spannend, weil das Haus bis heute dieselbe Funktion hat, obwohl der Rest der Anlage in der Nazizeit zu einer normalen Klinik umgewandelt wurde. Dafür wurde die Mehrzahl der Insassen verschleppt und ermordet.

Hönicke: Welche Orte in Pankow sind noch von Relevanz für Döblins Berlin?

Bienert: In „Berlin Alexanderplatz“ taucht das Obdachlosenasyl Fröbelstraße in Prenzlauer Berg auf, in dem sich heute das Krankenhaus befindet. Ob Döblin je selbst dort war, ist unklar, aber er muss mit Leuten zu tun gehabt haben, die das Asyl kannten. Seine Beschreibungen sind sehr detailliert und kenntnisreich. Der frühere Zentralviehhof im südlichen Zipfel von Prenzlauer Berg wurde durch „Berlin Alexanderplatz“ ebenfalls weltberühmt. Der gehörte quasi zur Nachbarschaft seiner Wohnung in der Frankfurter Allee. Und auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee sind Döblins Mutter und seine Schwester begraben.

Hinweis: Am 7. Dezember liest Michael Bienert um 20 Uhr in der Buchhandlung Chaiselongue in der Dietzgenstraße 68 (Niederschönhauen) aus seinem Buch (Verlag für Berlin-Brandenburg, 192 Seiten, 200 Abb., 25 Euro). Autor und Verlag sind übrigens auch in Pankow ansässig.

Samstag, 7. Oktober 2017

DÖBLINS BERLIN - ab sofort im Handel!

Das neue Buch von Michael Bienert ist aus der Druckerei gekommen und so schön geworden wie  KÄSTNERS BERLIN und E. T. A. HOFFMANNS BERLIN. Das Triple ist also gelungen und von Autor und Verleger begossen worden. Bis Weihnachten sind sechs Lesungen in Berlin geplant, weitere Veranstaltungen in Vorbereitung.

Freitag, 1. September 2017

Führungen durch die Flusspferdhofsiedlung am 9. September - noch Plätze frei!

Bruno Heider, Bauleiter der
Flusspferdhofsiedlung, um 1933
Für die Führungen von Michael Bienert in der Flusspferdhofsiedlung in Lichtenberg am Tag des offenen Denkmals (9. September um 11 und 14 Uhr) sind noch einige Plätze frei, obwohl die erste Anmeldefrist abgelaufen ist. Neben den Weltkulturerbesiedlungen gehört die 1932 bis 1934 errichtete Flusspferdhofsiedlung zu den bedeutendsten Leistungen des sozialen Wohnungsbaus der Weimarer Republik in Berlin. Sie ist mit rund 837 Wohnungen sozusagen die "kleine Schwester" der großen Reichsforschungsiedlung in Spandau-Haselhorst. Die Führung mit Besichtigung der denkmalgeschützten Gartenanlagen und einer Wohnung dauert etwa eine Stunde, die Teilnahme kostenlos. Anmeldungen bitte möglichst rasch, spätestens bis 6. September an Jarno Hansen (Gewobag), j.hansen@gewobag.de oder Tel. 47081541.

Brunnenanlage der Siedlung im Frühjahr 2017.

Döblins Berlin - Video online!

Das neue Buch von Michael Bienert über DÖBLINS BERLIN geht in wenigen Tagen in den Druck und ist ab Oktober lieferbar. Vorab gibt der Autor einen Einblick in seine Arbeitsweise und Entstehung des Buches. Für das 5-Minuten-Video wurde an mehreren Schauplätzen gedreht, produziert hat es Sportfotograf und Youtuber Leon Buchholz. Mehr zum Buch auf der Verlagsseite.



Sonntag, 6. August 2017

Döblins Berlin - Führungen am 10. 8 und 11. 8. 2017, Neuerscheinung im Oktober 2017

Die Führungen zu Döblins Berlin im Rahmen der Döblin-Woche des Literaturforums im Brecht-Haus am 5. und 6. August waren ausgebucht. Es gibt Zusatztermine wegen der großen Nachfrage:
Donnerstag, 10. 8. 2017 und Freitag, 11. 8. 2017, 17 Uhr
Döblins Berlin. Stadtspaziergang mit Michael Bienert 
Treffpunkt: Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestraße 125
Preis 5 / 3 Euro
Anmeldung unter: doeblin@text-der-stadt.de

Das Buch "Döblins Berlin" von Michael Bienert erscheint im Oktober 2017 im Verlag für Berlin-Brandenburg, 176 Seiten, 200 Abb., 25 Euro Mehr Infos

Sonntag, 9. Juli 2017

Ein Streifzug durch die Ateliers von Käthe Kollwitz

Das verschwundene Atelierhaus in Tiergarten,
Siegmunds Hof 11, auf einer Postkarte.
"Die Ateliers der Käthe Kollwitz erzählen viel darüber, wie sie ihren Alltag in verschiedenen Lebensabschnitten organisierte – pragmatisch und eigenwillig, mit viel Empathie für die Menschen um sie herum und der unerlässlichen Portion künstlerischen Egoismus, ohne den es nicht geht im Alltag zwischen Kinderzimmer, Arztpraxis, Radier- und Bildhauerwerkstatt." - Zum 150. Geburtstag von Käthe Kollwitz am 8. Juli 2017 ist im Tagesspiegel ein langer Streifzug von Elke Linda Buchholz durch die Atelierstandorte der Künstlerin in Berlin erschienen, den Sie hier nachlesen können: http://www.tagesspiegel.de/berlin/150-geburtstag-von-kaethe-kollwitz-die-muehen-einer-mutter/20034138.html